Kaisers Tafelstube

P. Roman Nägele OCist

Kaisers Tafelstube im Stift Heiligenkreuz

Das Stift Heiligenkreuz liegt am sogenannten Mariazeller Pilgerweg. Daher war es sinnvoll, eigene Appartements für den pilgernden Kaiser und seinen Hofstaat einzurichten. Um 1500 taucht der Begriff Hofstube in den Schriftquellen auf. Diese Räumlichkeiten befinden an drei Stellen des Stiftes: im Nord-, West- und Südflügel. Inderessant ist, dass die Kaiserzimmer in Heiligenkreuz im ersten Stock angesiedelt sind. Dies ist der „modernen Heiztechnik“ zu verdanken, die nicht mehr von einem warmluftbetriebenen Heizsystem, das vom Keller aus befeuert wurde, abhängig war. Zu den wichtigsten Bestandteilen des alltäglichen Lebens auf einem mittelalterlichen Adelssitz gehörte die Versammlung fast aller Bewohner inklusive der männlichen Herrschaft und anwesender Gäste zu den regelmäßigen gemeinsamen Mahlzeiten.[1] Diese Mahlzeiten fanden an der Wende zur Neuzeit zweimal täglich statt. Im Zuge der Entwicklung einer eigenen Tafelstube war es zur Gewohnheit geworden, dass sich die Herrschaft zusammen mit einem kleineren Kreis hochrangiger Hofangeöriger und Gäste aus einem größeren gemeinsamen Speiseraum zurückzog und nun einen eigenen Speiseraum etablierte. Ort dieser Mahlzeiten war stets ein ofenbeheizter, rauchfreier Raum. So war also eine Winternutzung möglich. Die Einrichtung der für den Hof reservierten Gastzimmer betraf also auch die Öfen. So ist in „Kaisers Tafelstube“ der von Giovanni Giuliani gestaltete Ofen mit Caesarenrelief, Adlern, Wappen und anderen kaiserlichen Symbolen geschmückt. Selbstverständlich war ein raumbezogenes Inventar notwendig. Heute wird der Raum durch einen 24-flammigen Barock-Luster (Holz vergoldet) mit Licht versorgt. An den Wänden sind großflächige Gobelin-Imitationen ([Ende 17. Jh.] auf Leinwand gemalt, gerahmt) an den Wänden fixiert. So sind Szenen aus dem Leben Davids, der Richter Gideon mit der frisch geschorenen Wolle und die Tötung Goliaths zu sehen. Über barockprofilierten Holztüren befinden sich Supraporten mit 2 Szenen aus dem Leben des heiligen Karl Borromäus.
Bei kaiserlichen Wallfahrten wurde das Inventar von den Hofbediensteten angeliefert. In diesen kaiserlichen Appartements der Klöster war es also notwendig, wie in Schlössern öffentliche Audienzen und Tafeln abzuhalten. So gehörte die Tafelstube zum festen Bestandteil des höfischen Lebens.
Wir können beobachten, dass die funktionale Raumdifferenzierung penibel eingehalten wurde. So hatten die Räumlichkeiten dem Zeremoniell und den repräsentativen Anforderungen zu entsprechen. Diese Anforderung betraf natürlich auch die Gestaltung der Räume. So sind zum Beispiel die Stukkaturen im Kaisersaal, in Kaisers Tafelstube und den angrenzenden Kaiserzimmern vom italienischen Stukkateur Antonio Aliprandi angebracht worden. Im Stiftsmuseum wird ein Sekretärschrank gezeigt, der von einem von Giovanni Giuliani geschaffenen Atlas bekrönt wird und ehemals zur Ausstattung der Kaiserzimmer gehörte.
Die kaiserlichen Wallfahrten nach Mariazell brachten Leopold I. jedesmal nach Heiligenkreuz[2]. Kaiser Karl VI. war nicht so oft unterwegs, nahm aber die Gastfreundschaft der Klöster gerne an. Sie waren also bestrebt, diese allerhöchsten Besuche und den begleitenden Hofstaat [inklusive militärischem Troß] durch Anschaffung neuer Möbel, Bildergalerien, Musikinstrumente und durch die Errichtung von Triumphbögen und Festdekorationen zufrieden zu stellen. Die Klöster waren darauf bedacht, die Liturgien festlich zu gestalten. Große Kirchenmusik durfte nicht fehlen. Bei diesen Feiern waren nicht nur der Hofstaat, sondern meist auch die Äbte und die Mitglieder des Prälatenstandes der benachbarten Stifte und Klöster zugegen. Dadurch konnten sich Abt und Konvent präsentieren.
Auf jeden Fall kam die Ehre des Hauses nicht zu kurz.


1 Elias Norbert, Die höfische Gesellschaft, Untersuchungen zur Sozio­logie des Königtums und der höfischen Aristokratie, Darmstadt-Neuwied 1969.

2 vgl. Miller Rotraut, Die Hofreisen Kaiser Leopolds I., phil. Diss. Wien 1966.

vgl. Hoppe Stefan, Hofstube und Tafelstube – Funktionale Raumdifferenzierungen auf mitteleuropäischen Adelssitzen seit dem Hochmittelalter, in: Großmann, Georg Ulrich (Hrsg.): Die Burg: wissenschaftlicher Begleitband zu den Ausstellungen „Burg und Herrschaft“ und „Mythos Burg“, S. 196-207, Dresden u.a. 2010.

Richter Werner, Des Kaisers Tafelstube, in: Sancta Crux, 54 Jg., Nr. 111, S. 76-81, Heiligenkreuz 1993.